Angesichts des Rummels um den G8-Gipfel in Heiligendamm und den damit verbundenen Gewalttätigkeiten frage ich mich wie viele andere auch nach dem warum und wieso.
Natürlich sind die Menschen sauer, wenn die von ihnen gewählten und bezahlten Volksvertreter Mist bauen. Oder wenn sie der Meinung, daß sie Mist bauen, beziehungsweise die Dinge die sie für wirklich wichtig und dringend halten verabsäumen. Ich gestehe den Politikern durchaus zu, daß der Einzelne, unten, an der sogenannten Basis, nicht den Überblick und den Einblick in alle Zusammenhänge hat oder haben kann. Aber ich kann nicht entschuldigen, daß die Volksvertreter es laufend, immer wieder und teilweise sogar absichtlich verabsäumen eben diese Umstände zu erklären weil es ihnen viel wichtiger ist ihr Gesicht zu wahren. Den genau aus diesen Gründen werden die Menschen veranlasst ihrem Unmut kundzutun. Und das ist gut so, denn wie soll man etwas besser machen, wenn einem keiner sagt, daß man seinen Job im Augenblick nicht gut (genug) macht.
Dummerweise sind die meisten Politiker bessere Redner als Zuhörer. Was vielleicht auch einen Teil ihres Erfolgs ausmacht, aber das ist eine andere Geschichte. Fakt ist jedenfalls, daß es gar nicht so leicht ist einem Spitzenpolitiker die Meinung zu sagen. Und ob er dann noch bereit ist einem zuzuhören…
Egal! Worauf ich hinaus will lässt sich am ehesten mit der Situation beschreiben in der das zweijährige Kind gerade auf den Stuhl klettert um die Herdplatten zu erkunden. Jeder wird in dieser Situation nach seinen Möglichkeiten mit mehr oder weniger roher Gewalt eingreifen. Aber ohne weiteren Schaden für das Kind. Man klemmt sich den Bengel einfach unter den Arm oder im schlimmsten Fall, wenn man gerade nicht genug Hände frei hat, gibts vielleicht einen Klaps auf die Finger. Und auch wenn mich Pädagogen und Psychologen jetzt im Geiste kreuzigen, ich finde das ganz ok so. Auch den Klaps. Der Punkt ist, daß es selbst wenn man den “Jugend forscht”-Nachwuchs ganz vorsichtig vom Sessel hebt, rohe Gewalt gegen den Willen des Neugierigen ist. Der Wille des Kindes wird einfach durch größere Kraft und höhere Reichweite eines Erwachsenen außer Kraft gesetzt. Völlig legal in Erfüllung der Aufsichtspflicht.
Der Punkt ist, daß das zweijährige Kind vernünftigen Argumenten einfach nicht zugänglich sein kann. Jedenfalls nicht schnell genug um es vor schlimmeren zu bewahren. Es kann einfach nicht zuhören, es ist voll und ganz damit beschäftigt nicht vom Stuhl zu fallen. Und genauso geht es unseren Politikern leider viel zu oft.
Das andere Problem, die Eskalation der Gewalt, ist meiner Meinung nach ein gutgemeinter Schuß gegen die Eltern Wähler der jetzt voll nach hinten los geht. Zuerst war es ein staatlich sanktionierter Türsteher Polizist in Zivil um Verrückte auf Distanz zu halten und heute sind es Hundertschaften in voller Rüstung die offen ihre Gewaltbereitschaft durch Ausrüstung und Gehabe zur Schau stellen um die vermuteten Aggressoren einzuschüchtern. Aber genau diese Einschüchterung provoziert erst recht und treibt auch die Vernünftigsten zur Raserei.
Das ist genauso wie mit den vereinsamten Gehirnzellen vor Lokalen. Alleine die Tatsache das dieser Muskel mich aus unerfindlichen Gründen mit roher Gewalt daran hindern kann dort drinnen mein hart verdientes Geld auszugeben weckt in mir die Lust ihm einfach einmal zu zeigen wo der Bartl den Most herholt. Das muß gar nicht mit Gewalt erfolgen, es geht einfach darum dem Typen klar zu machen, wer hier die Kohle abliefert von der sein Gehalt bezahlt wird und das er mich das gefälligst in Ruhe machen lassen soll. Aber meine Aggression richtet sich nicht gegen das Lokal, sondern gegen die Abschirmung in Form des Türstehers. Sie richtet sich gegen die stumpfsinnige Befolgung der Regel “Keine Turnschuhe” und die Tatsache, daß mir keine Möglichkeit gegeben wird zu erklären, warum ich hier am Arsch der Welt um 23:00 keine anderen Schuhe zur Verfügung habe. Aber ich schwelge in Erinnerungen, erst im zweiten Schritt überträgt sich die Wut dann auf den Inhaber oder Geschäftsführer, der den Typen eingestellt und beauftragt hat. Und bei Letzteren bin ich immer noch gesprächsbereit, wenn sie mir die Testosteron-Bomben vom Leib halten.
Der Bürger hat das Recht den von ihm gewählten und bezahlten Politikern die Meinung zu sagen. Genauso wie wir der Putzfrau sagen, wenn sie nicht gründlich gesaugt hat oder den Installateur nochmals anrufen, wenn der Wasserhahn immer noch tropft. Und je mehr diese Politiker sich abschirmen, umso mehr werden die Bürger versuchen diese Sperren zu überwinden um ihr Recht wahrzunehmen. Da helfen weder Zäune, Wasserwerfer, Körperpanzer noch Gummigeschosse. Die Bürger, wir haben das Recht und wollen es wahrnehmen. Immerhin zahlen wir ihnen überdurchschnittliche Gehälter, schöne Autos, First-Class-Tickets und können sie schlimmstenfalls erst in 4 Jahren feuern. Wir hätten zwar gern, daß sie bessere Menschen sind als wir, aber wir wissen, daß sie immer nur Menschen bleiben werden.
Und wenn der Politiker halt nicht zuhören kann oder will, dann gibt’s eben einen Klaps in Form einer Torte. Und das müssen die Volksvertreter schon aushalten. Ganz abgesehen davon, daß Putzerei-Rechnungen viel billiger sind als Zäune, die auch wir bezahlen.
Wenn heute ein Politiker, wie man so schön sagt “die Konsequenzen zieht” und zurücktritt, bedeutet das in der Regel, daß er sich auf ein nettes Anwesen zurückzieht und überlegt auf welchen Golfplätzen dieser Welt er in Zukunft seine (auch von uns bezahlte) Pension ausgibt.
Super! Das ist genauso, wie wenn man sein Kind, nachdem es eine Scheibe eingschmissen hat, zur Adoption freigibt.
Jedem läuft einmal etwas aus dem Ruder, aber dann muß man die Sache entweder selber wieder gerade biegen oder zumindest dafür sorgen, daß jemand anderer der das kann wieder in Ordnung bringt. Die Verantwortung einfach hinzuwerfen ist keine akzeptable Lösung, denn diejenigen die einem die Verantwortung übertragen haben sind offensichtlich nicht kompetent genug gewesen gleich den Richtigen dafür auszuwählen. Woher soll man wissen ob die inzwischen was dazugelernt haben? Aber der, der seinen eigenen Fehler erkannt hat, hat auf jeden Fall etwas gelernt und kann vermeiden ihn zu wiederholen.
Und wenn einer seine eigenen Fehler nicht erkennt, dann muß man ihn in letzter Konsequenz feuern, nicht seinen Rücktritt annehmen.
Ok, keine Regel ohne Ausnahme. Wenn einer feststellt, daß das was er vorhatte einfach nicht funktioniert, keinen Dunst hat woran es liegt, und keine Idee hat wer oder was ihm jetzt helfen könnte, dann ist eh’ schon alles wurscht und er kann den Krempel auch hinschmeißen.
Aber ich schweife vom Thema ab. Torten, gehören meiner Meinung nach genauso wie tieffliegendes Gemüse und gut abgelegene Eier in den Dienstvertrag von Politikern und sind von ihnen als Form der Meinungsäußerung zu respektieren. Und vorallem sind sie zuzulassen. Dann ersparen wir uns die Pflastersteine für die Polizei und den Polizisten die Pflastersteine.
Anders gesagt, Aggression gegen Politiker ist die gelebtes Sozialverhalten. Die damit verbundene Gewalt entsteht dadurch das Politiker glauben sich dem entziehen zu können und sich Gesetze geschaffen haben die ihnen das sogar erlauben.
Wenn also ein Politiker anstelle eines Transparents vor seiner Nase eine Kugel in seinem Kopf findet, dann ist er selber schuld, weil er glaubte nicht zuhöhren zu müssen. Aber das ist seine wichtigste Aufgabe, denn wie soll er ein Volk vertreten, dem er nicht zuhöhrt?
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Und nach dem ich jetzt seit drei Tagen immer wieder an diesem Artikel herum-editiere und redigiere und endlich der Meinung war, daß er fertig ist wirft mir das Ding, das am Kopf der Seite die zufällig ausgewählten Zitate einbaut folgendes hin:
Your most unhappy customers are your greatest source of learning.
- Bill Gates
Man mag Billy hassen oder lieben, aber er wäre nicht der reichste Mann der Welt, wenn er ein Volltrottel wäre. An diesem, ihm zugeschriebenem Zitat kann ich jedenfalls nichts falsches finden. Ich könnte es mir gut auf jedem Parlament der Welt vorstellen.